Wenn die Kläranlage die Stube heizt

Abwasser als Wärmequelle: Wie das Werdhölzli, das grösste Klärwerk der Schweiz, zur Energiewende beiträgt und weshalb es sogar im Eishockey zu einem Schlüsselspieler wird.

Wie eine grüne Schlange bahnt sich die Limmat den Weg flussabwärts. Die Sonnenstrahlen werden vom Wasser reflektiert. Auf der kleinen Sandbank steht ein Fischreiher und hofft auf Beute. Es riecht nach Sommer. An der nördlichen Peripherie der Stadt Zürich ist die Natur spürbar. Und trotzdem befinden wir uns nur einen Wellenschlag von einer der modernsten Energiegewinnungseinrichtungen des Landes entfernt – dem Klärwerk Werdhölzli, der grössten Anlage dieser Art der Schweiz. Hier werden einerseits die Abwasser der Stadt sowie von sechs Anschlussgemeinden gereinigt (6000 Liter pro Sekunde in einem fünfstufigen Verfahren). Andererseits wird durch die Klärschlamm-Verwertungsanlage sowie durch das gereinigte Abwasser Wärme produziert und in die benachbarten Quartiere Altstetten und Höngg geliefert. Der natürliche Wasserkreislauf der Limmat bleibt dabei erhalten. Dank einer Fischtreppe wird seit 2020 auch die Fauna geschützt. Die Konzessionserneuerung war an eine entsprechende Auflage geknüpft.

Installation der Entnahmepumpen
Chefmonteur Drago Budimirovic von der E3 HLK AG (vorne) und sein Team installieren die Entnahmepumpen.

Detaillierte Planung für eine anspruchsvolle Installation

Die Wärmegewinnung aus Abwasser ist komplex. Die Umsetzung aber geradlinig und effizient. Die E3 HLK AG, ein Unternehmen aus dem Netzwerk der BKW Building Solutions, installierte im Auftrag von ewz zwei grosse Wärmetauscher sowie weiteres Prozessequipment für die Energieauskoppelung aus dem Abwasser. Markus Wiget, Leiter Heizung/Kälte, streicht die Bedeutung der reibungslosen Zusammenarbeit heraus: «Der zur Verfügung stehende Raum für die Installationen war sehr begrenzt. Bei so grossen Bauteilen wie den sieben Tonnen schweren Plattenwärmetauschern stellt das eine Herausforderung dar, bei der man sich keine Fehler leisten darf. Dank unseres eingespielten Teams aus langjährigen Mitarbeitenden hat aber alles bestens funktioniert.» Pascal Leumann, der für das Gesamtprojekt verantwortliche Mitarbeiter von ewz, bezeichnet dieses Zusammenspiel für die speditive und effiziente Umsetzung des komplexen Unterfangens als entscheidend: «Die wegweisende Volksabstimmung fand im Februar 2019 statt. Nach nur 16 Monaten Bauzeit wurden ab Oktober 2020 bereits die ersten Liegenschaften mit Wärme aus dem Werdhölzli beliefert.»

Gesamtprojektleiter Pascal Leumannund und Markus Wiget
Gesamtprojektleiter Pascal Leumann (ewz, r.) und Markus Wiget (E3 HLK AG) beobachten den Rückfluss des Wassers in die Limmat.

Langfristige Investition in ein zukunftsweisendes Verfahren

Als Bauherr und Betreiber des Energieverbundes Altstetten und Höngg treibt ewz die Entwicklung weiter voran. Seit 2021 wird zusätzlich das gereinigte Abwasser des Klärwerks als Energiequelle verwendet. Dies soll helfen, ein ambitioniertes Ziel zu erreichen: dass bis 2040 mindestens 60 Prozent des Siedlungsgebiets der Stadt Zürich über thermische Netze versorgt wird. Für die Erschliessung der Quartiere müssen entsprechende Leitungen im Untergrund verlegt und Energiezentralen gebaut werden. Dafür sind bis 2040 Investitionen von 1,5 Milliarden Franken geplant – mit grosser Nachhaltigkeit: Einmal gebaut, haben die Leitungen eine Lebensdauer von mindestens 50 Jahren. Für Markus kann dieses Verfahren auf dem Weg zur Energiewende einen Schlüssel darstellen, wobei er gleichzeitig relativiert: «Letztlich sind es viele kleine Elemente, die uns in Richtung der angestrebten 2000-Watt-Gesellschaft bringen.» Die Vorteile der Energiegewinnung aus Abwasser und Klärschlamm liegen auf der Hand – und sind quasi menschlicher Natur. Denn die Energiequelle ist ganzjährig in grossem Mass verfügbar. Maurizio Ceotto, der Geschäftsführer der E3 HLK AG, sagt dazu: «Das Verfahren ist zukunftsweisend sowohl als Wärmeversorgung für Wärmepumpen als auch für die Rückkühlung bei Wärmeüberschuss.» Ausserdem sei die Wirtschaftlichkeit bei genügender Energiedichte gross – bei einer vergleichsweise einfachen technischen Erschliessung. Die Wirkung auf jeden Fall ist frappant: Im Endausbau der Anlage werden jährlich bis zu 13 Millionen Liter Heizöl eingespart, was in etwa einer Verminderung von rund 30 000 Tonnen CO2-Emissionen entspricht. Vorbild für den Energieverbund Altstetten und Höngg, den grössten dieser Art in unserem Land, ist der ewz-Energieverbund Schlieren. Dieser wurde vor rund zehn Jahren in Betrieb genommen und setzt auf das gleiche Prinzip. Mit den etwa 70 angeschlossenen Liegenschaften werden dort pro Jahr rund 3,4 Millionen Liter Heizöl gespart.

Markus Wiget mit Pascal Leumann vor den Plattenwärmetauschern
Markus Wiget (l.) im Gespräch mit Pascal Leumann (ewz) vor den Plattenwärmetauschern.

Auch die ZSC Lions machen mit

Das Klärwerk Werdhölzli könnte aber schon bald auch zum Gewinn von Sportpreisen beitragen. Denn von der nachhaltigen Form der Energiegewinnung profitieren mit den ZSC Lions ab kommendem Jahr auch einer der erfolgreichsten Eishockeyklubs des Landes. Die Swiss Life Arena, die im Sommer 2022 eröffnet wird, ist Teil des neuen Energieverbunds. Sie ist an das sogenannte Anergienetz angeschlossen, das die Wärme- und die Kälteproduktion gewährleistet. Darin gibt die Arena überschüssige Abwärme ab, die der Energieverbund für die Wärmeproduktion einsetzen kann. Zum Beispiel die Abwärme, die jeweils dann entsteht, wenn mit den Kältemaschinen das Eis in der Swiss Life Arena produziert wird. So bleibt dem Besucher nach dem Rundgang über das Klärwerk Werdhölzli nur das Staunen. Hatte er zuvor eine Kläranlage mit einer unappetitlichen Kloake gleichgesetzt, ist dieses Bild nun korrigiert – nachhaltig. Im Werdhölzli werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen und das Reinigen des Abwassers mit einer äusserst effizienten Wärmegewinnung verbunden. Und wenn die ZSC Lions diesen Steilpass nutzen, kann dies auch sportlich zu einer meisterlichen Lösung beitragen.

ZSC-Stadion
Das ZSC-Stadion ist im August 2022 bezugsbereit. Es ist eine weitere Wärmequelle für den Energieverbund Altstetten und Höngg.

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