«Auf so einer Turbine will ich arbeiten!»

16 Turbinen, zwei Techniker und ein ganz spezieller Arbeitsort auf über 90 Metern Höhe. Im grössten Windpark der Schweiz halten Teddy Sassier und Jérôme Lasnier die Turbinen am Laufen. Unsere Reporter Andreas Schmidt (Text) und Sarah Steinmann (Video) waren in luftiger Höhe vor Ort.

8:00 Uhr, St. Imier

Teddy Sassier sitzt im Büro vor dem Computer. Ein heisser Kaffee in der linken, die Computermaus in der rechten Hand. Es ist der übliche Start in den Tag des Windturbinentechnikers. «Zu Beginn kontrollieren wir immer, ob alle 16 Turbinen normal funktionieren», sagt Teddy. Auf dem Bildschirm ist der gesamte Windpark Juvent auf dem Mont-Soleil sichtbar, jede einzelne Turbine anklick- und überwachbar. «Unsere Aufgabe ist es, jede Anomalie frühzeitig zu erkennen, bevor sie grössere Schäden anrichtet. Vom überhitzten Motor über falschen Hydraulikdruck bis zu Temperaturproblemen in Getrieben.» Alles normal. Teddy und Teamkollege Jérôme Lasnier können die geplanten Wartungsarbeiten an Turbine Nummer 8 vornehmen: diverse Ölfilter im Hydrauliksystem der Rotorblätter und Notbatterien in der Systemüberwachung auswechseln. Mit gepacktem Auto geht’s hoch zum Mont-Soleil auf über 1200 Meter.

Teddy Sassier vor dem Computer

9:20 Uhr, Mont-Soleil

Wir fahren auf das Grundstück, auf der Turbine 8 steht. Bauernhund Itti begrüsst uns, während wir den Elektrozaun passieren. Mit jedem Meter wird die Turbine grösser. Mit ihrem 95-Meter-Turm und den 55 Meter langen Rotorblättern gehört sie zu den grössten des Windparks. Teddy gibt mir Helm, Klettergurt und Handschuhe. Nach sorgfältigen Sicherheitsinstruktionen steige ich zu Jérôme in den Servicelift. Nichts für Menschen mit Platzangst – aber doch angenehmer als die Alternative: 280 Leiterstufen.

«Zu zweit kontrollieren wir alle 16 Turbinen des Parks.»
Teddy Sassier

10:00 Uhr, Turbinenraum

Nach rund sieben Minuten Fahrt sind wir oben und steigen über eine Leiter in den kleinen Turbinenraum. Für einen kurzen Moment fühle ich mich wie in einer Raumstation. Ich lasse mir alle Maschinen erklären, vom Rotor über das Getriebe und den Generator bis zum Transformator. Per Hydraulikpumpe schiebt Teddy drei grosse Zylinder ins Turbinenrad, damit ist der Rotor blockiert. Jetzt legen die beiden Techniker los, ersetzen Filter, wechseln die Batterien im Steuerungskasten und führen diverse Checks durch.

10:15 Uhr, auf der Turbine

Und dann das Highlight: Über eine Luke geht’s aufs Dach des Turbinenraums. Gesichert mit zwei grossen Haken und Seilen am Klettergurt stehen wir auf der Turbine – ich zumindest mit weichen Knien. Mein Blick schweift über die Jurakette, den Chasseral und die restlichen 15 Turbinen. Das Pferd da unten wirkt so klein wie ein Käfer. Beim Anblick der drei riesigen Rotorblätter wird mir klar, wie allein diese Turbine Strom für 1 500 Haushalte produzieren kann. Während ich die Aussicht geniesse, kontrolliert Teddy diverse Sensoren. Die Daten über Wetter, Windrichtung und -qualität sind für die korrekte Ausrichtung von Turbine und Rotorblättern wichtig und damit für die optimale Stromproduktion.

Turbinentechniker auf der Turbine
Das Technikerteam Teddy Sassier und Jérôme Lasnier

12:05 Uhr, Mittagspause

Wir sind zurück auf der Wiese am Fusse der Turbine. Alles ruhig, nur ein paar Kuhglocken in der Ferne. Beim Essen erzählt Teddy, wie er zu seinem Traumberuf kam: «Als Kind habe ich mal in einem Magazin eine Windturbine gesehen. Mir war sofort klar: Auf so einer will ich arbeiten!» Konsequent verfolgte der heute 37-jährige Franzose seinen Plan, bildete sich laufend weiter, und kam im Oktober 2021 zur BKW. Teddy blickt aufs Handy: keine Gewitterwarnungen. Wir können wieder hoch.

Turbinentechniker essen Zumittag
«Wegen dem Eis mussten wir den Park schon stundenweise abschalten.»
Jérôme Lasnier

13:20 Uhr, im Lift

Ich stehe mit Jérôme im engen Lift und wir sprechen über den Winter auf dem Mont-Soleil. Viele Touristen sind dann mit Schneeschuhen, Langlaufskis oder Hunden unterwegs. Wenn sich von den Rotorblättern an sonnigen Tagen Eisstücke lösen, kann das sehr gefährlich sein. Deshalb führen Loipen und Winterwanderwege nicht an Turbinen vorbei. «Wegen dem Eiswurf kam es schon vor, dass wir an Winterwochenenden den gesamten Park stundenweise ausser Betrieb nehmen mussten – safety first!»

14:30 Uhr, im Rotorhub

Auf allen Vieren gelangen wir vom Turbinenraum direkt in den Rotor – beeindruckend. Gut, dass die Rotorblätter immer noch gesichert sind! Teddy prüft die Einstellungen und stellt fest: «Alles gut.» Wenn niemand vor Ort ist werden die Turbinen fernüberwacht – 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr.

«Wir machen in jeder Saison gewisse Standardarbeiten und zusätzlich das Troubleshooting», erzählt Teddy. «Das heisst, dass wir sehr gut planen müssen, um die Turbinen möglichst selten abzuschalten. Wir warten und überwachen zu zweit alle 16 Turbinen des Parks. Bei Bereitschaftsdiensten wechseln wir uns ab, zudem unterstützt uns eine Bauernfamilie aus der Nähe. Hinzu kommt das Material, das wir rechtzeitig bestellen müssen. » Im Herbst stehen dann Belastungsproben aller Turbinen an, da im Winter die stärksten Winde wehen. Teddy und Jérôme packen ein – die Arbeiten an Turbine 8 sind beendet.

Techniker in der Turbine

16:00 Uhr, beim Elektrozaun

Der Rotor dreht sich im Wind und surrt gleichmässig. Langsam fahren wir über die Schotterstrasse weg von der Turbine. Bellend verabschiedet uns Hündin Itti am Elektrozaun. Ein unvergesslicher Tag geht zu Ende.

Beitrag aus Inmotion

Dieser Beitrag stammt aus «Inmotion», dem Magazin für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der BKW Gruppe. Die ganze Ausgabe als PDF finden Sie hier.

Der Betrieb von Windturbinen: zwischen Handarbeit und Science-Fiction

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