George Elias, wann ist die Idee für einen dynamischen Netznutzungstarif erstmals aufgekommen?
Das muss etwas mehr als zwei Jahre her sein. Damals zeichnete sich mit dem sogenannten «Mantelerlass» ab, dass dynamische Netznutzungstarife gesetzlich explizit ermöglicht werden. Gleichzeitig waren wir mit dem Smart-Meter-Rollout, also mit der Installation von intelligenten Stromzählern, auf einem guten Weg. Diese sind eine Voraussetzung dafür, dass wir solche dynamischen Tarife überhaupt abrechnen und anbieten können.
Liegt ein solcher Tarif auch im Interesse der BKW? Löst er ein konkretes Problem?
Ja. Das Netz muss auf Spitzen beim Bezug oder der Einspeisung von Strom ausgelegt werden. Bei den Tarifen sind wir jedoch – und eigentlich die ganze Branche – bisher noch nicht so weit, dass wir unseren Kundinnen und Kunden Anreize geben konnten, sich so zu verhalten, dass diese Netzspitzen reduziert werden.
Welche Leitplanken gab es bei der Entwicklung?
Ein wesentlicher interner Grundsatz war, ein Modell zu entwickeln, das nicht nur für Besitzerinnen und Besitzer eines Energiemanagementsystems verständlich und nutzbar ist. Es sollte stattdessen möglichst vielen Kundinnen und Kunden offenstehen. Denn Netzspitzen können wir künftig nur glätten, wenn viele Kundinnen und Kunden ihr Verhalten anpassen, je nach Belastung des Netzes.
Daneben gibt es einen regulatorischen Rahmen: Der Gesetzgeber macht relativ viele Vorgaben dazu, wie ein Tarif ausgestaltet sein muss. Gleichzeitig ist ein solcher dynamischer Tarif noch ein Stück weit Neuland. Ökonomisch mussten wir uns bei der Entwicklung des neuen Tarifs überlegen, wann es sinnvoll ist, ein Preissignal an die Kundinnen und Kunden zu senden und wie es ausgestaltet werden muss. Und finanziell müssen wir sicherstellen, dass das Netz auch weiterhin langfristig finanziert werden kann.
«Mittel- bis langfristig ermöglicht uns das, den Netzausbau zu optimieren. Davon profitieren letztlich alle Kundinnen und Kunden – durch einen optimierten Netzausbau und tiefere Kosten.»
Habt ihr bei der Entwicklung auch geschaut, was andere Netzbetreiber machen?
Ja. Es gab eine schweizweite Arbeitsgruppe zu dynamischen Netznutzungstarifen, an der ich teilnehmen durfte. Der Branchenaustausch war von Anfang an sehr eng. Wir haben uns Beispiele anderer Netzbetreiber angeschaut und später auch eine umfangreiche weltweite Recherche zu Pilotprojekten durchgeführt. Dabei haben wir festgestellt, dass es vergleichsweise wenige solche Modelle gibt. Bei dynamischen Energietarifen gibt es weltweit schon viel, bei dynamischen Netznutzungstarifen hingegen weniger. (Zum Unterschied von Energie- und Netznutzungstarifen siehe hier.)
Beim Vergleich des Tarifmodells mit anderen Netzbetreibern muss immer beachtet werden, dass das Modell zur Topologie und zur Auslastung des jeweiligen Verteilnetzes passt. Für die BKW werden zunehmend lokale Einspeisespitzen relevant für den Netzausbau. Deshalb haben wir ein eigenes Modell entwickelt, das einer breiten Masse zugänglich ist und sich von den Modellen anderer Netzbetreiber unterscheidet.
Wie würdest du «Sonne scheint» jemandem erklären, der sich mit Stromtarifen überhaupt nicht auskennt?
Als wir den Niedertarif in der Nacht abgeschafft haben, gab es Kundinnen und Kunden, die uns anriefen und fragten: Wann soll ich denn jetzt meine Waschmaschine laufen lassen? In der «alten Energiewelt» haben sie ihre Lasten wenn möglich in die Nacht verschoben. Mit «Sonne scheint» möchten wir die Einfachheit einer solchen Botschaft in die neue Energiewelt transportieren. Die Kundinnen und Kunden können anhand der Wettervorhersage erkennen, ob am nächsten Tag ein Rabatt gilt oder nicht. Dafür brauchen sie weder ein Energiemanagementsystem noch einen Tarif, der sich alle 15 Minuten verändert. Wir möchten dieses Netzsignal einer breiten Kundschaft zur Verfügung stellen und hoffen, damit längerfristig Spitzen bei der Belastung des Netzes etwas glätten zu können.
Einfachheit war also ein wichtiger Teil des Konzepts?
Ja, das war ein Grundsatz. Die Zusammenhänge im Netz sind komplex – beispielsweise führen erst Gleichzeitigkeiten von Einspeisung oder Bezug zu Spitzen. Wir wollten diese Komplexität in einen Zusammenhang bringen, der von vielen Kundinnen und Kunden verstanden wird und von dem sie auch profitieren können. Mittel- bis langfristig kann das dazu beitragen, das Netz intelligenter auszubauen.
Kurz gesagt: Früher hiess es «Waschmaschine nachts einschalten», neu heisst es «Waschmaschine am Nachmittag einschalten, falls die Sonne scheint»?
Genau.
War bei der Entwicklung von Anfang an klar, dass es in Richtung «Sonne scheint» gehen würde?
Wir haben verschiedene Modelle geprüft, waren von diesem Modell aber eigentlich immer überzeugt. Als wir gesehen haben, dass die dynamische Abnahmevergütung in unserer Systemumgebung umgesetzt werden kann, waren wir zuversichtlich, dass wir auch «Sonne scheint» realisieren können. Das Projekt erhielt dann auch in der Ablauforganisation eine hohe Priorität.
«Sonne scheint» ist seit Mitte August öffentlich bekannt. Welche Reaktionen habt ihr erhalten?
Mehrheitlich positive. Die Tagespresse hat den Tarif aus meiner Sicht verständlich dargestellt, und auch die Fachportale haben die richtigen Fragen gestellt.
Die wenigen negativen Reaktionen zeigen, dass wir weiterhin gefordert sind zu erklären, weshalb wir den Tarif genau so ausgestaltet haben. Es bestehen regulatorische und finanzielle Rahmenbedingungen, hinzu kommen Erkenntnisse aus unseren Netzanalysen und unsere Erwartungen darüber, wie Kundinnen und Kunden reagieren. Solche Dinge wollen wir klar kommunizieren. Wir haben bei der Tarifgestaltung nicht völlig freie Hand.
Ein wichtiger Grundsatz ist die Fairness. Wie verhindert die BKW, dass jemand allein aufgrund seines Wohnorts schlechter gestellt wird?
Das ist einerseits aus Kundensicht wichtig, andererseits auch eine Vorgabe des Gesetzgebers. Ein typisches Verbrauchsprofil soll nicht aufgrund äusserer Faktoren bevorzugt oder benachteiligt werden. Deshalb schaffen wir einen Ausgleich über die Höhe des Rabatts: In Regionen, in denen es historisch weniger Tage gibt, an denen ein Rabatt gewährt werden kann, fällt der Rabatt höher aus. In Regionen mit mehr entsprechenden Sonnentagen ist der Rabatt tiefer, dafür kann man häufiger davon profitieren.
Ist «Sonne scheint» für die nächsten Jahre fix oder kann der Tarif weiterentwickelt werden?
Ja, durchaus. Kurzfristig wichtiger als ein möglicher Effekt auf die Netzauslastung ist für uns der Erkenntnisgewinn: Wählen die Kundinnen und Kunden den Tarif; sind sie bereit, ihren Bezug zeitlich zu verändern; ist der Tarifanreiz hoch genug? Solche empirisch abgestützten Erkenntnisse über die sogenannte Elastizität der Stromnachfrage sind weltweit kaum vorhanden. Auf dieser Grundlage können wir künftig «Sonne scheint» hinsichtlich Rabatthöhe, geografischer Auflösung oder der Gestaltung der Rabattfenster weiterentwickeln und anpassen.
Wenn «Sonne scheint» funktioniert und die Kundinnen und Kunden an sonnigen Nachmittagen mehr Strom verbrauchen: Was bringt das langfristig für das Gesamtsystem?
Wir hoffen, dass wir mit dem richtigen Signal längerfristig das Verbrauchsverhalten beeinflussen können und gleichzeitig daraus lernen, wie Kundinnen und Kunden auf solche Signale reagieren. Damit können wir insbesondere Situationen mit starker Einspeisung an sonnigen Nachmittagen reduzieren. Solche Einspeisungen reichen teilweise bis ins Übertragungsnetz. Mittel- bis langfristig ermöglicht uns das, den Netzausbau zu optimieren. Davon profitieren letztlich alle Kundinnen und Kunden – durch einen optimierten Netzausbau und tiefere Kosten.
Was ist aus deiner Sicht eines der grössten Missverständnisse darüber, wie unser Stromnetz funktioniert?
Teuer wird es vor allem dann, wenn wir an die Grenzen der Netzkapazität kommen und deshalb Netzverstärkungen oder ein Netzausbau notwendig werden. Das reine Durchleiten von Energie durchs Netz verursacht im Normalfall hingegen fast keine Kosten. Unsere heutigen Tarife – und das gilt nicht nur für uns, sondern grundsätzlich – tragen diesem ökonomischen Umstand nur beschränkt Rechnung, weil die Netze weiterhin mehrheitlich über fixe Tarife pro Kilowattstunde finanziert werden.
Das ist der Wahltarif «Sonne scheint»
«Sonne scheint» ist ein freiwilliger dynamischer Netznutzungstarif der BKW, der ab 2027 Kundinnen und Kunden belohnt, wenn sie Strom dann beziehen, wenn viel Solarenergie verfügbar ist. Von April bis September wird an sonnigen Nachmittagen zwischen 13 und 17 Uhr je nach Wetterprognose ein Rabatt von bis zu 40 Prozent auf den Arbeitstarif der Netznutzung gewährt. Ob und wie hoch der Rabatt am nächsten Tag ausfällt, wird aufgrund der regionalen Prognosen von MeteoSchweiz bestimmt und jeweils am Vortag kommuniziert. Voraussetzung für die Teilnahme ist ein Smart Meter. Das Anmeldefenster ist jeweils im Oktober und November fürs Folgejahr offen.
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