BKW Insights

Wie Netztarife verursachergerecht und fairer werden

Denis Spät, Regulierungsmanager BKW

Die heutige Regulierung der Netztarife ist zu wenig verursachergerecht. Quersubventionen und damit ineffiziente Anreize für den Stromeigenverbrauch schaffen eine unfaire Situation zwischen den verschiedenen Stromkonsumenten. Sinnvollerweise sollten Netztarife ausschliesslich als Fixtarife auf Basis der Anschlussleistung erhoben werden.

Mit zunehmender dezentraler Stromproduktion sowie dem wachsenden Anteil E-Mobilität steigt die Elektrizitätsnachfrage – und damit nehmen auch die Anforderungen an das Stromnetz kontinuierlich zu. Dies erfordert einen Kapazitätsausbau und damit hohe Investitionen in das Leitungsnetz.[1] Da die Kapazität des Netzes auf die maximale Belastung (z.B. bei besonders hoher Nachfrage oder dezentraler Stromproduktion) ausgerichtet werden muss, sind die Netzkosten fix. Das heisst, dass diese Netzkosten auch dann anfallen, wenn das Netz zeitweise gar nicht genutzt würde.

Dabei folgt der nötige Netzausbau dem Bedarf der Anschlussnehmerinnen und -nehmer: Für die Dimensionierung der Stromnetze ist die angeschlossene Kapazität (in Kilowatt/kW) massgebend, sprich die Anschlussleistung der einzelnen Anschlüsse. Die durchgeleitete Strommenge (in Kilowattstunden/kWh) ist nicht entscheidend, sie kann innerhalb der Kapazität variieren. Die Grösse einzelner Anschlüsse und folglich des gesamten Stromnetzes ist somit mit einer Versicherung vergleichbar: Die Anschlussleistung kann jederzeit im vollen Umfang zum Strombezug genutzt werden.

Nicht verursachergerechte Netztarife

Netztarife werden bei den Stromkonsumenten erhoben. Gemäss den aktuellen rechtlichen Vorgaben werden die Netzkosten auf die meisten Konsumentinnen und Konsumenten zu mindestens 70 Prozent als mengenabhängiger Arbeitstarif (Rp./kWh) umgelegt. Dies kann hinsichtlich verursachergerechter Kostentragung zu grotesken Ergebnissen führen, wie das Beispiel von zwei Konsumenten zeigt, die beide dieselbe Anschlussgrösse haben. Da Konsument (A) weniger Strom bezieht, ist sein Beitrag an den Netzkosten gemäss der geltenden Tarifierungsregel jedoch geringer als der von Konsument (B), welcher einen höheren Strombezug ausweist. (Abbildung 1)

Abbildung 1: Beide Konsumenten haben gleiche Anschlussleistung an das Stromnetz und verursachen damit die gleichen Netzkosten. Doch wegen des unterschiedlichen Energiebezugs zahlen sie unterschiedlich viel für die Netznutzung - es kommt zu einer Umverteilung.

Konsument A und B haben indes über ihre identische Anschlussleistung dieselben Netzkosten verursacht. Da die Fixkosten jedoch über eine variable Absatzmenge in Rechnung gestellt werden, zahlt Konsument B mehr am Netz, obwohl Konsument A jederzeit gemäss seiner Anschlussleistung denselben Strom beziehen könnte. Dies entspricht eine Versicherung zum Nulltarif. Der Arbeitstarif hat ein weiteres Defizit: Es setzt beim Verbraucher keine Anreize, seine Anschlussleistung zu reduzieren, da dies keinen Einfluss auf seine Rechnung hat. Eine Reduktion der Anschlussleistung könnte aber die Netzkosten reduzieren.

Versteckte Subventionierung

Vergleichen wir nun die Wirkung eines Arbeitstarifs bei einem Verbraucher (z.B. Mieter) und einem Prosumer («Prosumer» von englisch Producer/Consumer, z.B. Hausbesitzer mit Photovoltaik-Anlage), ebenfalls mit identischer Anschlussgrösse. Der Prosumer konsumiert – wann immer möglich – den selbst produzierten Strom (Abbildung 2, Fall A) und beteiligt sich entsprechend nicht an den Netzkosten und Abgaben, die nur auf die aus dem Netz bezogene Energiemenge erhoben werden. Auch hierbei ist der Prosumer versichert: Wenn die eigene Produktionsanlage keinen Strom erzeugt, (Abbildung 2, Fall B), greift er für den gesamten Strombedarf auf das Netz zurück.

Abbildung 2: Das Stromnetz muss unabhängig vom Eigenverbrauch in vollem Umfang die benötigte Leistung vorhalten (Versicherungsfunktion). Die Versorgung ist für den «Prosumer» somit zu jeder Zeit gesichert – auch wenn er diese nicht bezieht.

Prosumer beteiligen sich folglich in einem geringeren Umfang an den fixen Netzkosten wie Konsumenten mit einer identischen Anschlussgrösse. Da mit der Nutzung des eigenerzeugten Stroms aber keine Reduktion der Anschlussgrösse und keine Kosteneinsparung beim Netzbau erfolgt, werden die Netzkosten auf einen geringere Bezugsmenge umgelegt. Hierdurch steigt der Arbeitstarif und es kommt zu einer (versteckten) Quersubventionierung: Konsumente ohne eigene Produktion zahlen eine Subvention an Konsumenten mit Eigenproduktion.

 Die steigenden Arbeitstarife machen den Eigenverbrauch attraktiver und verstärken die Quersubventionierung. Mit dem Anschluss dezentraler Erzeugungsanlagen steigen die Netzkosten damit per se an. Konsumenten ohne eigene Erzeugungsanlagen tragen auch durch diesen Effekt zunehmend höhere Netzkosten. Für den Zubau von erneuerbaren Energien hat der Bundesrat Förderinstrumente in Form einer Einspeisevergütung und Investitionsbeträge vorgesehen. Dass der Eigenverbrauch zusätzlich über eine versteckte Subventionierung bevorteilt wird, ist weder sachgerecht, solidarisch noch effizient. Während in vielen Bereichen Quersubventionierungen unterbunden werden, erhalten Prosumer eine versteckte Förderung aus dem Monopolbereich.

Lösung für ein verursachergerechtes Entgeltsystem

Um die Allokation der Netzkosten verursachergerecht zu gestalten, muss die Netztarifierung im Rahmen der Revision des Stromversorgungsgesetzes (StromVG) revidiert werden. Da die Netzkosten von der Anschlussleistung abhängen, sollte konsequenterweise auch der Netztarif auf dieser Basis berechnet werden. Idealerweise wird Netznutzung als fixer jährlicher Betrag differenziert nach installierter Anschlussleistung verrechnet – je höher die Anschlussleistung, desto höher der fixe Betrag. Das bringt die folgenden Vorteile:

  • Verursachergerechtigkeit: Die Anschlussleistung ist der Treiber für die Netzkosten. Dies würde neu in leistungsbasierten Tarifen reflektiert. Damit entfielen zudem verstecke Subventionierungen sowie die zusätzliche unsolidarische Belastung von Konsumenten, die keinen Eigenverbrauch nutzen können.
     
  • Sinkender Netzausbaubedarf: Konsumenten erhalten Anreize ihre Anschlusskapazität dauerhaft zu reduzieren (etwa indem sie intelligente Lösungen zur Steuerung und Koordination der eigenen Stromproduktion und der E-Mobility-Ladestationen einsetzen), da damit ihr jährlicher Fixbetrag für die Netznutzung sinkt. Die reduzierte Anschlussleistung führt zu einem geringeren Netzausbau, was wiederum allen zugute kommt und volkswirtschaftlich sinnvoll ist.
     
  • Einfachheit, Klarheit und Transparenz: Mit einer fixen Komponente ginge eine einfachere Planbarkeit sowie auch das Verständnis für das Netznutzungsmodell einher. Die Umsetzung einer fixen, leistungsbasierten Komponente würde zudem zu sinkenden administrativen Aufwänden führen: Für die Abrechnungen der Netznutzung müssen keine Verbrauchsmengen erhoben werden. Mit einer «Flatrate» für die Netznutzung können Tarifierungsmöglichkeiten für die Energielieferung ausgeschöpft werden, ohne dass die Netztarife falsche Anreize setzen.

Die Umstellung der Entgeltsystematik auf leistungsbasierte Tarife bei kleineren Kunden ist nicht neu. Ein Blick nach Europa zeigt, dass in diversen Ländern die Problematik der fehlenden Verursachergerechtigkeit erkannt und angegangen wurde: In den Niederlanden gelten für kleinere Kunden bereits seit 2009 leistungsbasierte Netztarife. Kunden zahlen pro Jahr einen fixen Betrag in Abhängigkeit von ihrer Anschlussleistung, die Verrechnung einer energieabhängigen Arbeitskomponente gibt es nicht mehr. Auch in Norwegen, Schweden und Italien wurden leistungsbasierte Netztarife für kleinere Kunden eingeführt.

In Luxemburg und Österreich wird die Einführung einer Leistungskomponente bei kleineren Kunden diskutiert. In Österreich hat die Regulierungsbehörde (E-Control) die Einführung einer Leistungskomponente für Kunden auf Niederspannung empfohlen. Es ist daher zu begrüssen, dass auch der Bundesrat im Rahmen der Revision des Stromversorgungsgesetzes (StromVG) eine verursachergerechtere Netztarifierung mit höherem Leistungsanteil vorsieht. Konsequenterweise sollte der Gesetzgeber gänzlich auf eine Vorgabe für einen minimalen Anteil eines Arbeitstarifs verzichten, um die Voraussetzungen für eine echte Verursachergerechtigkeit zu schaffen.

 


[1] Der notwendige Investitionsbedarf in die Schweizer Übertragungs- und Verteilungsnetze bis 2050 wird je nach Szenario auf ca. 9.9 – 21.4 Mrd. CHF geschätzt. Hinzu kommen die jährlichen Investitionen für den Substanzerhalt des heutigen Netzes, diese machen allein jährlich rund 1.4 Mrd. CHF aus. [Consentec GmbH, Entwicklung der Netzkosten in der Schweiz vor dem Hintergrund des derzeitigen Bedarfs, der ES2050 und der Strategie Stromnetze, Untersuchung im Auftrag des Bundesamts für Energie BFE, Abschlussbericht 30.09.2015 (Aktualisierung 25.03.2017), S. 37]

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