In der Schweiz sind wir die ersten, die ein kommerziell betriebenes Kernkraftwerk stilllegen. Weltweit bietet sich hingegen ein anderes Bild. Unser nördlicher Nachbar Deutschland hat zum Beispiel bereits viele technische Hilfsmittel und Verfahren für den Rückbau entwickelt und sich dabei spezifisches Know-how erarbeitet. Von diesen Erfahrungen können wir beim Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg profitieren.

Weltweit stillgelegte Kernkraftwerke

Weltweit sind bisher rund 110 kommerziell betriebene Kernreaktoren und rund 45 Prototypen oder Experimentalreaktoren abgeschaltet worden. Von den über 150 Reaktoren sind rund 15 vollständig demontiert, über 50 werden zurzeit zurückgebaut und über 50 Reaktoren sind sicher eingeschlossen und werden später zurückgebaut. Für einige Reaktoren steht die Rückbaumethode noch offen. Zusätzlich wurden weltweit rund 350 Forschungsreaktoren stillgelegt. 

Verschiedene Rückbaumethoden

Ein Kernkraftwerk kann auf verschiedene Arten zurückgebaut werden. In der Schweiz sind prinzipiell zwei Arten erlaubt: Der „direkte Rückbau“ und der „sichere Einschluss“

Beim direkten Rückbau wird unmittelbar nach dem Abschalten mit den Rückbauarbeiten begonnen. Beim sicheren Einschluss einer Anlage beginnt der Hauptteil des Rückbaus hingegen erst nach rund 30 bis 60 Jahren, wenn ein Teil der Radioaktivität bereits abgeklungen ist. Das Aufschieben des Rückbaus ist aber auch mit Unsicherheiten verbunden. Der direkte Rückbau hat den Vorteil, dass das Eigenpersonal, das die Anlage bereits gut kennt, noch vorhanden ist. Zudem ist die Infrastruktur aus dem Betrieb noch in einem guten Zustand, und die Kosten lassen sich solide berechnen. 

 



Eine dritte Methode, die in der Schweiz nicht erlaubt ist, aber von der internationalen Atomenergieagentur (IAEA) anerkannt ist, ist der "dauerhafte Einschluss". Bei diesem Verfahren wird die Anlage in Beton eingeschlossen und so dauerhaft von der Umwelt abgeschottet. Diese Methode wurde bei drei kleinen amerikanischen Experimentalreaktoren gewählt. 

In Deutschland haben sich die meisten Betreiber für den direkten Rückbau entschieden. Der sichere Einschluss wurde nur für einen Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop und für das Kernkraftwerk Lingen gewählt. Auch die BKW hat sich für den direkten Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg entschieden, da die Vorteile dieser Methode überwiegen. Wir sind uns unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst und wollen deshalb den Rückbau des Kernkraftwerks nicht künftigen Generationen aufbürden.

Erfahrung aus dem Ausland - Ein Blick nach Deutschland

Fernbedienter Abbau von Anlagenteilen in Obrigheim: Das obere und untere Kerngerüst, welches den Reaktorkern mit den Brennelementen im Druckbehälter fixiert, wird gerade unter Wasser fernbedient zerlegt und verpackt. Dabei kommen Bandsäge, Plasmabrenner und Manipulatoren zum Einsatz (Quelle: EnBW).

Deutschland hat 2011 den politischen Entscheid getroffen, aus der Kernenergie auszusteigen. Im Zuge dieses Entscheids wurden 8 Kernkraftwerken die Berechtigung zum Leistungsbetrieb entzogen, 9 Kraftwerken wurden Stromerzeugungskontingente und feste Abschalttermine vorgegeben. Doch bereits früher wurden in Deutschland Kernkraftwerke abgeschaltet. Davon sind heute 3 vollständig zurückgebaut. Zurzeit befinden sich insgesamt 16 Anlagen im Rückbau. Bei einigen Kernkraftwerken und Versuchsreaktoren steht der Rückbau kurz vor dem Abschluss.

Der erste vollständige Rückbau in Europa wurde ebenfalls in Deutschland abgeschlossen: Das KKW Niederraichbach in Deutschland war von 1972-1974 in Betrieb. Es wurde aus wirtschaftlichen Gründen stillgelegt, weil die Baulinien modernerer Druck- und Siedewasserreaktoren schnell und erfolgreich entwickelt und eingeführt wurden. Das Kraftwerk wurde zunächst sicher eingeschlossen, 1986 wurde die Rückbaugenehmigung erteilt, 1995 war der Rückbau abgeschlossen.

Unser deutscher Nachbar hat also bereits einschlägige Erfahrung im Rückbau von Kernkraftwerken gesammelt. Bei den ersten Rückbauten mussten Methoden, Maschinen und Instrumente teilweise neu entwickelt werden, um die speziellen Anforderungen in einem Kernkraftwerk zu erfüllen. Heute sind die technischen Herausforderungen bekannt. Nebst der technischen Detailplanung, stehen insbesondere auch regulatorische und organisatorische Aspekte bei der Planung eines Rückbaus im Zentrum. Eine sorgfältige und gesamtheitliche Planung einer Stilllegung nimmt einige Jahre in Anspruch. 

Beispiel «Kernkraftwerk Obrigheim»: Zerlegung des Reaktordruckbehälter kürzlich abgeschlossen

Das Kernkraftwerk Obrigheim steht zurzeit mitten im Rückbau. Es liegt zwischen Heidelberg und Heilbronn am Neckar und war 37 Jahre in Betrieb. Nach umfassender Planung, Vorbereitung und Genehmigung hat im Herbst 2008 der schrittweise Rückbau der Anlage begonnen. Die Betreiberin, die EnBW, rechnet damit, die Rückbauarbeiten etwa 2025 abschliessen zu können.

Der Rückbau erfolgt von innen nach aussen – genau so werden wir auch in Mühleberg vorgehen. Dadurch bleibt die Schutzhülle intakt. Inzwischen sind die Arbeiten soweit fortgeschritten, dass das Herzstück der Anlage – der Reaktordruckbehälter – zerlegt und verpackt werden konnte. Ein Meilenstein der Stilllegung ist damit erreicht. In Mühleberg erwarten wir, dass wir diese Arbeiten Ende 2025, Anfang 2026 abschliessen können.

In Obrigheim wurde der Reaktordruckbehälter unter Wasser in Stücke zerlegt, um seine Radioaktivität besser abzuschirmen. Fachspezialisten haben dafür den geschlossenen Behälter in das ehemalige Lagerbecken für Brennelemente überführt. Anschliessend haben sie den dicken Stahlbehälter Zentimeter um Zentimeter mit einem Plasmabrenner zerschnitten und die einzelnen Teile mit Roboterarmen in Behälter verpackt. Diese Arbeiten werden von einem abgetrennten Raum aus via Joystick fernbedient durchgeführt. In Mühleberg ist noch nicht klar, ob der Reaktordruckbehälter gereinigt und behandelt werden kann, so dass wir ihn trocken zerlegen und verpacken können. In jedem Fall werden die Arbeiten ferngesteuert durchgeführt.


Machen Sie sich Ihr eigenes Bild von den Rückbauarbeiten in anderen Kernkraftwerken:

 

So profitieren wir vom internationalen Know-how

Die BKW baut beim Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg auf den Erfahrungen anderer Länder - insbesondere jenen aus Deutschland - auf. Die Erkenntnisse in technischer aber auch regulatorischer und organisatorischer Hinsicht beziehen wir in unsere Planung mit ein, damit wir den Rückbau in der vorgesehenen Zeit abschliessen können.

Bereits heute arbeiten einige Personen mit Rückbauerfahrung aus dem Ausland an der Vorbereitung der Stilllegung mit - so können wir direkt vom internationalen Know-how profitieren. Andererseits beauftragen wir auch Drittfirmen, die für uns einzelne Arbeitspakete planen und umsetzen. Denn teilweise sind die Arbeiten, welche im Rückbau durchgeführt werden, so spezifisch, dass es sinnvoll ist, diese von externen Fachkräften planen und durchführen zu lassen.

Zusätzlich bereiten wir unsere eigenen Mitarbeitenden im KKM gut auf den Rückbau vor. Schrittweise erweitern wir das Aus- und Weiterbildungsangebot. Aufgrund ihrer Erfahrung und ihres anlagespezifischen Wissens garantieren wir jederzeit einen sicheren und effizienten Rückbau.

 

«Der Rückbau des KKM bedeutet für uns Neuland. Umso mehr werden die Anlagekenntnisse und die umfassende Übersicht der Schichtmannschaften im Kommandoraum gefragt sein. »

Simon Meier, Ressortleiter Anlagenbetrieb

«Ich habe bereits mit dem Rückbau der Wiederaufarbeitungsanlage in Karlsruhe ein grosses kerntechnisches Stilllegungsprojekt geleitet. Das dabei erworbene Know-how setze ich im KKM nun ein. Weil jede Anlage jedoch ihre Besonderheiten hat, ist die enge Zusammenarbeit mit den langjährigen KKM-Mitarbeitenden für eine erfolgreiche Projektabwicklung wichtig.»

Joachim Dux, Teilprojektleiter Technische Stilllegung

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