In der Schweiz ist die BKW Pionierin: Mit dem Kernkraftwerk Mühleberg (KKM) wird hierzulande erstmals ein Leistungsreaktor zurückgebaut. Doch weltweit gibt es über 150 Kernkraftwerke, die momentan im Rückbau sind oder bereits stillgelegt wurden. Entsprechend pflegen die Verantwortlichen des KKM enge Beziehungen zu anderen Rückbauprojekten, tauschen Erfahrungswerte und Know-how international aus und sind somit auf dem Laufenden über die neuesten Fortschritte und Erkenntnisse auf dem Gebiet des nuklearen Rückbaus. Auf dem Programm stehen deshalb immer wieder gegenseitige Besuche.

Zu einem solchen Besuch kam es kürzlich im KKM, wo eine Delegation des japanischen Energieunternehmens Tepco die Rückbauarbeiten begleitete. Das Ziel: Erfahrungen sammeln für die Stilllegung des Kernkraftwerks Fukushima Daini in Japan. Dieses KKW befindet sich 12 Kilometer nördlich des Kraftwerks, das 2011 durch einen Tsunami zerstört wurde. Die vier Blöcke von Fukushima Daini wurden nach dem Erdbeben abgeschaltet und Ende September 2019 offiziell stillgelegt. Die Anlage ist um ein Vielfaches grösser als das KKM, das ebenfalls 2019 vom Netz ging. Trotzdem sind die Siedewasserreaktoren von General Electric miteinander vergleichbar. Wie wurden die Tepco-Verantwortlichen auf Mühleberg aufmerksam? Es war eine Medienmitteilung der BKW von Mitte Juli 2022, die auch im fernen Japan auf Interesse stiess. «Nach unserer Mitteilung zu zweieinhalb Jahren Stilllegung nahm das Management von Fukushima Daini mit uns Kontakt auf», sagt Stefan Klute, Leiter Stilllegung & Entsorgung bei der BKW.

Gruppenfoto vor dem KKM-Übersichtsplan
Die japanische Delegation, flankiert von Stefan Klute (Projektleiter Stilllegung KKM, links) und Urs Amherd (Leiter Nukleare Strategie & Assets bei der BKW).

«Die Experten aus Japan waren sehr beeindruckt»

Das Kernkraftwerk Daini hat jetzt eine Stilllegungsbewilligung und organisiert den Rückbau. «In unseren Gesprächen ging es vor allem darum, Erfahrungen auszutauschen», erklärt Klute. Das mag auf den ersten Blick erstaunen, weil das KKW Daini viel grösser ist als das KKM. Was will Japan also von der Schweiz lernen? «Am Schluss spielt die Grösse des Kraftwerks keine Rolle», sagt Klute. Beim Rückbau ihres Siedewasserreaktors würden die Japaner sehr wohl auf die Erfahrung aus Mühleberg zurückgreifen können. Die japanische Delegation bestand aus vier Experten. «Bei einem Rundgang durch das KKM, wo wir auch die kontrollierte Zone besuchten, zeigten wir unter anderem die Materialverfolgung sowie den Aufbau unserer Materialbehandlung», erklärt Klute. Zwar seien die Schweizer Rahmenbedingungen nicht 1:1 auf jene in Japan übertragbar, «trotzdem zeigten sich die Experten aus Fernost sehr beeindruckt von unserer Arbeit». Das internationale Interesse sei eine Bestätigung, «dass das KKM wahrgenommen wird und dass wir unsere Arbeit gut machen», betont Klute. Das bestätigt die japanische Delegation. Der Rundgang sei sehr spannend und lehrreich gewesen, sagte Hideki Masui von Tepco, dem Betreiber des KKW Fukushima Daini, im Anschluss. Die lange Reise aus Japan in die Schweiz habe sich sehr gelohnt.

KKW-Experten in einem Sitzungszimmer
Neben einem Rundgang präsentieren die KKM-Vertreter und die Experten aus Japan ihre Erfahrungen bei der Stilllegung eines Kernkraftwerks.

Win-Win mit Spanien

Bereits seit einigen Jahren pflegen die Rückbau-Verantwortlichen aus Mühleberg mit spanischen Partnern einen regen Austausch, etwa mit der spanischen Organisation für die Entsorgung radioaktiver Abfälle (ENRESA). ENRESA ist seit 2010 zuständig für den Rückbau des Kernkraftwerks José Cabrera östlich von Madrid. Ebenfalls im Rückbau befindet sich das Kernkraftwerk Santa María de Garoña in Nordspanien. Eine Delegation des KKM besuchte dieses Kraftwerk kürzlich. «Die Anlage, die nur ein Jahr vor dem KKM ans Netz ging, ist zwar etwas grösser, aber vergleichbar mit dem KKM», sagt Stefan Klute, der die Delegation anführte. «Zwar sind sie im Fahrplan etwa zwei Jahre hinter uns, trotzdem können wir uns gegenseitig unterstützen.» Klute berichtet von einem interessanten Austausch, auch bezüglich des Umgangs mit Schadstoffen. «Wir können gut voneinander profitieren.»

Neben dem Austausch besuchten die KKM-Verantwortlichen in Spanien auch das spanische Endlager für schwache und sehr schwache radioaktive Abfälle. Hier geht Spanien einen anderen Weg als die Schweiz: In Spanien werden Abfälle, die nach 300 Jahren nicht mehr radioaktiv sind, in einem Oberflächenlager, das vergleichbar mit einer Deponie ist, gelagert. Entsprechend setzen die Spanier weniger Aufwand für die Materialbehandlung ein. «Es gibt viele länderspezifische Unterschiede. Der Besuch war sehr eindrücklich und spannend», berichtet Stefan Klute.

Die Rückbauarbeiten im Kernkraftwerk Mühleberg sind auf Kurs. Die Transporte mit ausgedienten Brennelementen starteten im letzten Jahr. Mit Abschluss der Abtransporte reduziert sich die Menge der Radioaktivität im KKM exponentiell. Die sogenannte Kernbrennstofffreiheit ist der wichtigste Meilenstein im gesamten Rückbauprojekt. Diese Kernbrennstofffreiheit ist Voraussetzung für die zweite Stilllegungsphase, die 2024 starten wird. Die Stilllegungsphase 2 endet mit der Freimessung des gesamten Areals. Das heisst, dass sämtliche Radioaktivität aus der Anlage und vom Areal entfernt ist.

Gruppenfoto im KKW José Cabrera
Expertinnen und Experten aus der Schweiz und Spanien: Die BKW Delegation im Kernkraftwerk José Cabrera östlich von Madrid.

Nuklear-Vortrag in Ecuador – oder wenn aus Ferien Arbeit wird

Nicht nur mit Japan oder Spanien sind die Expertinnen und Experten des Kernkraftwerks Mühleberg (KKM) im Austausch. Sogar ins ferne Südamerika zieht es KKM-Leute – wenn auch ursprünglich nur zu Ferienzwecken. Urs Amherds dreiwöchige Ferien waren schon lange geplant: Besuch bei einer Freundin in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, Land und Leute entdecken, die freie Zeit geniessen. «Bereits im Vorfeld meiner Reise hat mich die Cousine der Freundin gefragt, ob ich Interesse hätte, das Department of Nuclear Sciences (DCN) im Polytechnikum zu besichtigen», erzählt Urs Amherd. Der Leiter Nukleare Strategie & Assets bei der BKW hat als Gegenleistung anerboten, den Studenten ein Gastreferat zu halten. «Danach habe ich nichts mehr gehört», sagt Amherd. «Als ich dann in Quito war, hat mich am Freitag der Departementsvorsteher kontaktiert, und so habe ich dann ein paar Folien zusammengestellt und bin am Montagmorgen an die Universität.» Seinen Anzug und seinen Laptop hatte Amherd dabei, weil er direkt vor seinen Ecuador-Ferien in Belgien an einer Rückbau-Konferenz der Nuclear Energy Agency der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD NEA) in Belgien teilgenommen hatte. Thema seines Uni-Besuchs in Ecuador war die Kernenergie. Amherd referierte über den Leistungsbetrieb des Kernkraftwerks Mühleberg, aber auch darüber, wie eine solche Anlage zurückgebaut wird und wie Abfälle entsorgt werden. «Es war ein sehr interessanter Besuch und Austausch», berichtet Urs Amherd und stellt fest: «Was wir hier in Europa energiepolitisch so treiben, bleibt auch in Ecuador nicht unbemerkt».

Urs Amherd posiert vor einem nuklearen Gerät
Urs Amherd machte einen Rundgang im Department of Nuclear Sciences im Polytechnikum von Quito: Die Kontrolleinheit zur Bedienung des Teilchenbeschleunigers mit Sowjet-Technologie aus den 1960er-Jahren – er funktioniert nicht mehr.

Adrian Schwab – vom Assistenten zum Chef-Logistiker

Adrian Schwab – vom Assistenten zum Chef-Logistiker

Ohne die Logistik geht beim Rückbau des Kernkraftwerks Mühleberg nichts. Adrian Schwab hält als Leiter Logistik die Fäden zusammen und ist mit seinem Team dafür verantwortlich, dass sämtliches Material an die richtigen Orte transportiert wird.

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