Nicolo Paganini, Sie sind seit 2018 Sankt Galler Nationalrat für «Die Mitte». Weshalb engagieren Sie sich als Präsident der Interessengemeinschaft Erdgasverbraucher Schweiz (IG Erdgas)?

Vorrangiges Ziel der in der IG Erdgas zusammengeschlossenen Unternehmen ist die Liberalisierung des Gasmarktes. Dieses Ziel trägt zu besseren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vor allem für produzierende Betriebe und Konsumenten bei. Das kann ich aus Überzeugung unterstützen. Gerade weil in diesem Markt vieles im Umbruch ist, erlebe ich die Aufgabe als herausfordernd und spannend. Die WEKO hat vor wenigen Tagen die Öffnung des Gasmarktes als einen der grossen Erfolge in ihrer 25-jährigen Geschichte ausgewiesen. Die IG Erdgas darf sich von diesem Kuchen auch ein Stück abschneiden.

Die Energiezukunft ist CO2-neutral. Weshalb bleibt Erdgas als Übergangstechnologie nach wie vor von Bedeutung?

Erdgas hat den grossen Vorteil, dass sehr grosse Energiemengen gespeichert und transportiert werden können und gleichzeitig aus CO2-Sicht klare Vorteile gegenüber dem «Konkurrenzprodukt» Erdöl bestehen. Zudem wird die Gasinfrastruktur mehr und mehr zur Speicherung und zum Transport von grünem synthetischem Gas genutzt, welche für eine CO2-neutrale Energiezukunft zentral sind. Schliesslich gibt es noch ein weiteres mögliches Spielfeld: Wir können heute nicht ausschliessen, dass zur Schliessung der Winterstromlücke und damit zur Sicherung der Stromversorgungssicherheit der Schweiz nach Ausserbetriebnahme der Schweizer Kernenergieanlagen der Bau eines Gaskombikraftwerks nötig sein wird. Dieses würde nur während wenigen Stunden pro Jahr – in Knappheitssituationen – produzieren.

Paganini
Nicolo Paganini vor der ersten Power-to-Methane-Anlage der Schweiz, die in Zusammenarbeit von Climeworks und der Ostschweizer Fachhochschule in Rapperswil CO2 aus der Atmosphäre filtert.

Welche Bedeutung haben Bio- und synthetische Gase sowie Wasserstoff heute und in Zukunft? Welche Rahmenbedingungen braucht es dafür?

Synthetische Gase wie methanisierter Wasserstoff bieten die Möglichkeit, Stromüberschüsse aus dem Sommer in den Winter zu transferieren. Dies kann ein wichtiger Beitrag zum Gelingen der Energiewende sein. Als wichtige Rahmenbedingung erachte ich auch beim Biogas den freien Markt, das heisst, dass der Produzent frei wählen kann, wem er das Biogas liefert und dass für die Einspeisung keine Netzabgaben anfallen.

Die WEKO hat mit ihrem Urteil 2020 zu den Innerschweizer Gasversorgern den Gasmarkt in der Schweiz de facto geöffnet. Weshalb ist aus Sicht der IG Erdgas trotzdem noch ein Gasversorgungsgesetz notwendig?

Wir stellen einfach fest, dass administrative und technische Hürden den freien Markt nach wie vor behindern. Die Gasversorgungsunternehmen versuchen weiterhin, den Wettbewerb zu umgehen. Deshalb müssen heute die Markt-Spielregeln mühsam im Einzelfall verhandelt werden. Es braucht daher klare gesetzliche Regeln. Einerseits zu den Netzkosten, damit diese transparenz ausgewiesen werden und eine Diskriminierung verhindert wird. Andererseits beim Messwesen – bezüglich Einrichtung, Kosten sowie Standardlastprofilen.

Welche weiteren Massnahmen – neben einem Gasversorgungsgesetz – sieht die IG Erdgas, um die nach wie vor bestehenden Eintrittshürden in den Gasmarkt zu beheben?

Ein gutes und faires Gasversorgungsgesetz erachten wir als das geeignetste Instrument, um die bestehenden Hürden zu beseitigen. Sollte dieses nicht innert nützlicher Frist in Kraft treten, bleiben als einzige Strategien weitere WEKO-Klagen, Meldungen an den Preisüberwacher oder Verwaltungsklagen bei öffentlich-rechtlichen Anbietern. Diese Konfrontation ist aber nicht das, was wir wollen. Vielmehr möchten wir gemeinsam mit den Gasversorgungsunternehmen die Herausforderungen und Chancen packen, welche die Energie- und Klimawende für das Gas bringen.

 

Nicolo Paganini ist seit 2018 für den Kanton St. Gallen im Nationalrat. Er ist Mitglied der Mitte-Fraktion und in der Kommission für Umwelt, Raumplanung, Energie (UREK-N). Zudem präsidiert er die Interessensgemeinschaft Erdgasverbraucher Schweiz (IG Erdgas).

Engagement der BKW

Die BKW ist im Juni 2020 in den Gasmarkt eingetreten, um ihren Kunden nebst Strom auch Gas liefern zu können. Ziel ist es nicht, mit zusätzlichem Gasverbrauch andere Energieformen zu ersetzen, sondern bestehenden Gasverbrauchern attraktive Angebote zu unterbreiten. Mit gebündelten Angeboten kann die BKW ihre Endkunden optimal in die nachhaltige Energiezukunft begleiten.

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