Die strategische Reserve löst nicht alle Probleme

Gemäss einer neuen Studie des Bundesamts für Energie sind im Schweizer Strommarkt bis 2035 keine Versorgungsengpässe zu erwarten. Trotzdem soll die Einführung einer sogenannten strategischen Reserve geprüft werden. BKW-Regulierungsexperte Urs Meister erklärt, wie eine solche Reserve funktioniert und welche Folgen dies für die Wasserkraft hätte. 

Die im Auftrag des Bundesamtes für Energie (BFE) erstellte Studie zur Versorgungssicherheit kommt zum Schluss, dass bis 2035 «keine signifikanten Versorgungsengpässe» zu erwarten sind. Allerdings räumt das BFE auch ein, dass es unter extremen Annahmen zur Nichtverfügbarkeit von Kraftwerken im In- und Ausland und damit ab 2025 im Winter zu kritischen Situationen kommen könnte. Offenbar traut das BFE den Marktkräften im klassischen Energiemarkt («Energy-Only-Market») alleine nicht und will neben einer vollständigen Strommarktöffnung und einer stärkeren Einbindung in den europäischen Markt auch die Einführung einer sogenannten strategischen Reserve prüfen. In die gleiche Richtung zielt auch die nationalrätliche Energiekommission mit zwei Vorstössen. Wie genau eine solche strategische Reserve aussehen könnte, ist offen. 

Kraftwerke als Backup

Generell werden mit einer strategischen Reserve Kraftwerke bezeichnet, die im Sinne eines Backups nur bei kritischen Situationen durch den Netzbetreiber eingesetzt werden. Im Kontext der Energiewende – etwa in Deutschland – dient das Modell vor allem dazu, eine zu frühe Ausserbetriebnahme älterer fossiler Kraftwerke zu verhindern. Reserve-Kraftwerke erhalten eine Entschädigung für ihr Weiterbestehen – allerdings dürfen sie keinen Strom mehr am Markt absetzen. Sie werden lediglich in (seltenen) kritischen Situationen durch den Übertragungsnetzbetreiber eingesetzt. Im schweizerischen Kontext wären am ehesten neue Gaskraftwerke für eine solche Reserve geeignet – sie könnten z.B. durch Swissgrid ausgeschrieben werden.

Keine Lösung für die Wasserkraft

Wasserkraftwerke profitieren dagegen nicht von einem solchen Modell. Aufgrund ihrer Kostenstruktur – hohe Fixkosten und tiefe variable Kosten – eignen sie sich nicht als strategische Reserve. Das Modell gibt auch keine besonderen Anreize, in den Erhalt der bestehenden Wasserkraft zu reinvestieren. Die Wirkung könnte sogar kontraproduktiv sein: Der Einsatz der Reserve verhindert nämlich Preisspitzen im Spotmarkt und schmälert damit zusätzlich die Ertragsbasis und die Re-Investitionsanreize der Wasserkraftwerke am Markt. 

Strategische Reserve als Verfügbarkeitsauktion

Allerdings gäbe es auch alternative Umsetzungsvarianten für die strategische Reserve. Sie könnte als blosse Zurückhaltung von Wasser in den Speicherseen interpretiert werden. Dies mit dem Ziel, eine zu rasche Leerung der Speicherseen zu verhindern, um die Versorgungssicherheit in den späten Wintermonaten zu erhöhen. Ein solches Modell käme der sogenannten Verfügbarkeitsauktion im BKW-Kapazitätsmarktmodell sehr nahe. Konkret könnten die Betreiber in dieser Auktion eine permanente Produktionsfähigkeit ihres Kraftwerks  über eine Zeitdauer von z.B. mindestens zehn Tagen im April anbieten. Im BKW-Kapazitätsmarktmodell handelt es sich dabei aber nur um ein ergänzendes Instrument, das die Verfügbarkeit der bestehenden Kraftwerke für potenziell kritische Perioden erhöht. Eine solche strategische Reserve hat zwar positive Effekte auf die kurzfristige Versorgungsstabilität, doch damit sind keine effektiven Re-Investitionsanreize in die Wasserkraft verbunden. 

Diskussionen sind nicht abgeschlossen

Dies ist kritisch, weil die vorliegende Studie  pauschal davon ausgeht, dass die zunehmend nötigen Re-Investitionen in den Erhalt der Wasserkraft von den Betreibern ohnehin getätigt werden. Das aber würde voraussetzen, dass sich die Marktpreise in absehbarer Zeit spürbar erholen – die aktuellen Notierungen an den Terminmärkten geben hingegen kein solches Signal. Zudem dürften ldie neu eingeführten Kapazitätsmechanismen in den Nachbarländern längerfristig auch die Preise im Schweizer Markt dämpfen.  Bleiben die Strompreise auf absehbare Zeit tief, sind die Re-Investitionen in Frage gestellt. In diesem Fall wird sich das BFE bereits Anfang der 2020er-Jahre neue Gedanken über einen zusätzlichen Fördermechanismus für die Wasserkraft machen müssen.

Vor diesem Hintergrund dürften die Diskussionen um ein neues Strommarktdesign nicht abgeschlossen sein. Gerade weil die  strategischen Reserve keine Lösungen für die Wasserkraft bietet, dürfte der BKW-Vorschlag für einen Schweiz-spezifischen Kapazitätsmarkt weiter zur Diskussion stehen. Der Vorteil des BKW-Modells liegt gerade darin, dass die Themen Re-Investitionen in die Wasserkraft und – falls nötig – Investitionen in Backup-Kraftwerke in einem einzigen wettbewerblichen Modell adressiert werden.  

 

 

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