Unabhängig vom Stromnetz leben – geht das?

Bei vielen wächst in der aktuellen Energiekrise der Wunsch nach stromautarkem Leben – also unabhängig vom Stromnetz. Auch aus Klimagründen ergibt die lokale Stromversorgung Sinn. Doch ist komplette Stromautarkie in der Schweiz überhaupt möglich? Und ist die Aufrüstung mit einem Stromspeicher aufgrund langer Wartezeiten aktuell sinnvoll?

Mit dem wachsenden Energiebedarf in der technologisierten Welt nehmen auch die Fragen um eine sichere Stromversorgung zu. Kann das Stromnetz den Verbrauch von heute und morgen decken? Droht eine Strommangellage? Diese Fragen stellten sich bereits vor der Ukraine-Krise, aber mit dem Krieg haben die Sorgen noch zugenommen.

Deshalb wächst der Wunsch vieler Hauseigentümerinnen und -eigentümern, sich autark – also unabhängig vom Stromnetz – versorgen zu können, zum Beispiel mit Hilfe einer eigenen Photovoltaikanlage und Stromspeicherung. Doch wie unabhängig kann ein Gebäude sein?

Eike Johann, Leiter Home Energy
Eike Johann, Experte für Photovoltaikanlagen bei der BKW: «Gebäude mit dezentralen Energiesystemen, sprich lokaler Energiegewinnung und Energieverbrauch, sind ein wesentlicher Baustein beim Klimaschutzes und müssen das langfristige Ziel sein.»

Im (eher unwahrscheinlichen) Falle eines Blackouts fällt auch die herkömmliche Photovoltaikanlage aus. Grund dafür ist, dass sich der Wechselrichter der Anlage bei einem Netzausfall ausschaltet. Mit einem Not- oder Ersatzstromsystem wird ein Eigenheim weiterhin mit Strom versorgt. Nach einer kurzen Umschaltpause kann auf den eigenen Notstrom oder Ersatzstrom zurückgegriffen werden. Voraussetzung hierfür ist aber eine eigene Photovoltaikanlage mit einem Batteriespeicher. Nur so ist die zweitweise vollkommen unabhängige Selbstversorgung möglich. Dies aber natürlich nur so lange, wie die Sonne draussen genügend scheint und die Batterie ausreicht. In der Schweiz ist deswegen ein autarkes Leben gerade in den Wintermonaten unrealistisch.

Hohe Eigenversorgung hilft der Umwelt

Eine hohe Selbstversorgung ist jedoch besser für die Umwelt und somit für den Klimaschutz. Den Wunsch nach einer hohen Selbstversorgung hat sich deshalb auch Frieso Aeschbacher erfüllt. Mit Hilfe von Solarmodulen und einer Speicheranlage lebt er während den sonnigen Monaten zu nahezu hundert Prozent vom eigenen Strom. Über das gesamte Jahr kommt er auf einen Durchschnittswert von 86 Prozent. Sein Zuhause ist ausserdem ein «Smart Home». «Durch die intelligenten Gebäudeautomationen wird unser Stromverbrauch bestmöglich gesteuert, wodurch wir das Optimum aus unserem unabhängigen Versorgungssystem herausholen können», sagt Frieso Aeschbacher. Jedes intelligente System spart einige Prozente Strom, was sich in der Summe zu einem nennenswerten Mehrwert entwickelt.

«Es ist ein Zeichen für eine perfekt dimensionierte Anlage», sagt Eike Johann, Leiter von Home Energy. Die Abstimmung der Verbrauchsgeräte auf die stromliefernde Photovoltaikanlage spiele eine wichtige Rolle, sagt der Leiter Home Energy der BKW. Dafür sorgt nicht zuletzt eine intelligente Steuerung der Stromverbraucher.

Frieso Aeschbacher
Frieso Aeschbacher und seine Familie leben in den sonnigen Monaten zu fast 90 Prozent vom selbst produzierten Strom.

Frühzeitig planen

Eike Johann rät zur frühzeitigen Planung der Photovoltaikanlage, dem Speicher und der intelligenten Steuerung, nicht zuletzt wegen aktuell sehr hohen Kundennachfrage. Für die Auslegung werden Verbrauchs- und Produktionsprofile simuliert und aufeinander abgestimmt, um die passende Grösse der zu installierenden Anlage zu bestimmen. «Wer den Stromspeicher direkt mitinstallieren möchte, orientiert sich als Faustregel am Verhältnis 1:1 zwischen der Kapazität des Speichers, gemessen in Kilowattstunden (kWh), zur maximalen Leistung der Produktionsanlage (kWpeak)», sagt er. Die ideale Speichergrösse kann nach einem Jahr Betrieb, basierend auf den erhobenen Produktions- und Verbrauchsdaten, bestimmt werden.

Eigenheimbesitzende müssten indessen realistisch sein. Je nach Verbrauch und Wetter decke ein Speicher heute den Bedarf von ein bis zwei Tagen Strom. Für eine längere Stromspeicherung, zum Beispiel vom Sommer in den Winter, existieren zwar Lösungen – etwa Systeme, die mit überschüssigem Strom lokal Wasserstoff erzeugen – doch diese Systeme sind noch sehr teuer und die Umsetzung aufwändig.

Stromspeicher-Batterie
Eine gut dimensionierte Batterie ist das A und O, wenn es um Stromautarkie geht.

«Lokale Stromgewinnung sollte das Ziel sein»

Auch muss Eike Johann den Wunsch nach einer schnellen Umsetzung dämpfen. «Die Nachfrage nach Speichermöglichkeiten und Photovoltaikanlage hat nochmals kräftig angezogen», sagt er. Dies führe zu Lieferengpässen beim Material. Zudem seien die Kapazitäten im Hinblick auf Beratung und Installation komplett ausgelastet. Die Kundschaft muss daher zurzeit leider von der Anfrage bis zur Umsetzung bis zu zehn Monate auf die eigene lokale Stromgewinnung warten.

Umso mehr lohne es sich, ein Selbstversorgungsprojekt schon jetzt zu planen. «Gebäude mit dezentralen Energiesystemen, sprich lokaler Energiegewinnung und Energieverbrauch, sind ein wesentlicher Baustein beim Klimaschutzes und müssen das langfristige Ziel sein», schliesst Johann. Umso besser, wenn dies auch die eigene Stromsicherheit erhöht.

Vom alten Bauernhaus zum autarken Familienheim

Vom alten Bauernhaus zum autarken Familienheim

In Laupersdorf (SO) wohnt André Brönnimann mit seiner Familie in einem alten Bauernhaus. Mithilfe des interdisziplinären BKW Teams und der modularen Gesamtlösung Home Energy konnten sie ihre Energieversorgung Schritt für Schritt optimieren und leben heute beinahe autark.

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